“ein starkes Stück politisches Theater",

Martin Burkert / WDR über “Das Recht des Stärkeren”

17 x gegenwartsdramatik

Albert Ostermaier - Akin Sipal - Christoph Nussbaumeder - Claudia Tondl - Conor McPherson - Dirk Laucke - Dominik Busch - Fritz Kater - Igor Bauersima - Mario Salazar - Marius von Mayenburg - Peter Stamm - Soeren Voima - Stefano Massini - Wassily Sigarew

  • Das Recht des Stärkeren - Dominik Busch

    Die Schweizer Dokumentarfilmerin Nadja, Tochter des Kohlen-Chefs, reist nach Kolumbien, um die blutigen Bedingungen des Kohleabbaus aufzudecken. Ihren Vater kontaktiert sie zu Beginn lediglich, um ihn in ihren Dokumentarfilm einzubauen. Eine persönliche Note in Form einer zerrütteten Vater-Kind-Beziehung macht sich doch gut im Kunstwerk. Am Ende erhält sie für den Film einen Preis, während ihr kolumbianischer Protagonist Alvaro (Burak Hoffmann) gefoltert wird. Trotz seiner Bitten hat sie den Mordzeugen nicht aus dem Film geschnitten, obwohl das seinen Tod bedeuten könnte.

    „Klug legt Florian Fiedler in Oberhausen den Fokus auf die Medienkritik und die Relativität und Manipulierbarkeit von Wahrheit. An drei Stellen der Nebenspielstätte muss sich das Publikum verteilen, mit Bauplanen labyrinthisch verhängt sind die Durchgänge: Projektionsflächen, hinter denen die Schauspieler mit ihrer Sichtbarkeit spielen,(…) Schön ist das, wie hier auch formal mit den Fallstricken einer vermeintlichen Wahrheitssuche gespielt wird.“  Dorothea Marcus, 7.3.2019 Nachtkritik

    "Eine durch und durch überzeugende Erstaufführung" hat Cornelia Fiedler für die Süddeutsche Zeitung (21.3.2019) gesehen: "Die knappen Dialoge und rhythmischen, poetisch reduzierten Reflexionen inszeniert Schauspielintendant Florian Fiedler als ein dichtes Spiel mit unsicherer Perspektive." Dominik Busch umgehe "die Gefahr des Empörungskitsches", indem er sein Stück mit hinreichend Gegenperspektiven ausstatte. So gelinge ein unterhaltsamer, dichter Abend, der "lange nachhallt, gerade weil er die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen hat."

    „Jenseits der immer wieder poetisch eingeflochtenen stimmungsmacherischen Anflüge entwickelt der Text in der feinen rhythmischen Diktion des famosen Ensembles einen fiebrigen Groove, mit dem die Diskurse eine enorme Intensität gewinnen, sowohl intellektuell wie emotional", so Jens Fischer in Die Deutsche Bühne (8.3.2019). "Die fragmentarisch schillernde Inszenierung nimmt dem Plot das arg Konstruierte." 

    "'Das Recht des Stärkeren' feiert nicht vordergründig das Gute und brandmarkt das Böse. Dennoch stellt es die Frage nach Schuld und Verantwortung. Oberhausen gelingt ein starkes Stück politisches Theater", so Martin Burkert, WDR (11.3.2019).

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  • Lehman Brothers - Stefano Massini

    “Das Schauspielhaus erzählt in einer fulminanten, vielschichtigen und faszinierenden. Inszenierung von Stefano Massinis Stück „Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie" die Entwicklung eines aufstrebenden, hypererfolgreichen und letztlich tief fallenden Familienunternehmens und damit auch eine kleine Geschichte des Kapitalismus.

    (…) Gefilmte Bilder sind aber auch im Schauspielhaus zu sehen. Regisseur Florian Fiedler lässt die Inszenierung von Massinis „Lehman Brothers" mit einer grandiosen Idee beginnen: Er dreht live einen Film vom Theaterspiel. Der Zuschauer ist zunächst irritiert: Wohin soll er schauen? Auf die Bühne, auf der die Schauspieler spielen, vor denen aber Kameraleute, Mikrofonhalter und Aufnahmeleiter herumwuseln? Oder auf die große Leinwand, auf der das-soeben Gespielte live übertragen als Schwarz-Weiß-Film in historisierender Schwarz-Weiß-Ästhetik läuft? Das alles ist so detailgenau geplant, dass schnell die Entscheidung für den Film fällt - Die Schauspieler übernehmen mehrere Rollen und agieren auch als Erzähler. Die Begleitmusik wird von Martin Engelbach an diversen Instrumenten live gespielt.

    Der Frühkapitalismus als Kinoerlebnis, lange nicht mehr hat Theater eine soiche Freude bereitet.

    Den zweiten und dritten Teil erlebt der Zuschauer dann weitestgehend ohne mediale Vermittlung. Auffallend ist, dass die Inszenierung die Frühphase der Lehman-Historie im ersten Teil mit modernen Theatermitteln, eben der Videotechnik, darstellt. Im dritten Teil hingegen der von der Weltwirtschaftskrise 1929 bis zur jüngsten Geschichte reicht, greift sie auf eine der ältesten Theaterzutaten zurück - und lässt die Akteure das weitere Geschehen in chorischem Sprechen schildern.

    Bei allen Wechseln in den Darstellungsformen, eine Konstante hat die Inszenierung: Die Bühne dreht sich die gesamte Spielzeit über, wie die Spieluhr, die man Amerika nennt", wie es im Stück heißt. Oder anders gesagt: Money makes the world go round." Und auf dieser Drehscheibe spielen sich die sieben Schauspieler Christian Bayer, Rainer Frank, Carolin Haupt, Silvester von Hösslin, Janko Kahle, Isabel Tetzner Frank Wiegard begeisternd durch die verschiedenen Rollen.

    Wäre das Schauspielhaus ein Aktienuntemehmen. es wäre nach diesem Abend erheblich im Dax gestiegen. Das Publikum zahlte in der einzig wahren Währung der Theaterwelt, mit lang anhaltendem Applaus.”

    Kristian Teetz. HAZ, 17.06.2016

  • Märtyrer - Marius von Mayenburg

    “Voller Brüche ist dieses Stück, schwankt zwischen grotesker Komik und stiller Verzweiflung, harscher Kirchenkritik und stiller Identitätssuche - passend zur gefühisgefluteten Traumzeit der Pubertät.

    Die bildstarke Inszenierung spickt den Stoff mit Gags, Da hallt die Stimme des Priesters wie aus den tiefsten Tiefen einer Kathedrale, zappelt die Mutter wie in elnem Exorzisten-Horror-schinken und schwingt Benjamin mit Affenmaske an einem Seil wie ein wledergeborener Tarzan.

    Glaubt Benjamin all das wirk fich? Ist er bloß ein Provokateur? Oder kanalisiert sich eine Sehnsucht nach einer Vaterfigur?

    Reglsseur Florian Fiedler riskiert es, den Zuschauer so mit mehr Fragen zu entlassen als Antworten. Was beileibe nichts Schlechtes Ist. Man muss sich dem nur stellen.”

    Stefan Gohlisch, NP, 28.04.2014

  • Nur die Harten kommen in den Garten - Dirk Laucke

    Dirk Laucke macht tatsächlich beides. Auf der einen Seite bildet er sehr luzide die gesellschaftlichen Verwerfungen des Jahres 2015 ab und erzählt ganz lakonisch vom Scheitern nahezu aller Bemühungen seiner Figuren. Auf der anderen schlägt er mit seinen pointierten Dialogen und komödiantischen Zuspitzungen einen überraschend hoffnungsvollen Ton an. Und den greift Regisseur Florian Fiedler dankbar auf. Er setzt in seiner spielerisch leichten Uraufführungsinszenierung vor allem auf die Komik der Szenen wie der (verbalen) Gefechte. (…) Laucke und Fiedler bieten keine politischen und gesellschaftlichen Patentlösungen an. Sie setzen auf die versöhnende Kraft der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. So kann das Ensemble in einem Augenblick den SLIME-Song "Sie wollen wieder schießen dürfen" anstimmen und im nächsten Moment die integrative Kraft der "neuen deutschen Volksmusik" einer "Keliné Fischer" feiern. Punk und Pop harmonisch vereint, auch das muss einem erst einmal gelingen. Sasha Westphal Nachtkritik 3.6.18

    "Ein Stück wie gutes Pfefferminzbonbon: Auch wenn es längst weg ist, kaut man noch eine Weile darauf herum," schreibt Jens Dirksen in der WAZ (4.6. 2018) Dirk Laucke hat aus seiner Sicht "in der Manier eines Ödön von Horvath, fünf Figuren aus Schichtsprache und Hochdeutsch-Witz erzeugt, die der Realität furchtbar nahe kommen, ohne Verwechslungsgefahr aufkommen zu lassen. Dialog-Sätze fliegen dem Publikum um die Ohren, als wär's ein Battle-Rap, und die 80 Minuten rasante Inszenierung des Hausherrn Florian Fiedler im spartanischen Bühnenbild würde auch dann erfrischend jung wirken, wenn die fünf Schauspieler nicht so punktgenau besetzt wären und eine grandios kernige Vorstellung abliefern würden."

    Laucke habe sein Stück "dem jungen, multikulturellen Ensemble gebrauchsfertig in den Mund gelegt". Der Autor habe ein gutes Gehör, "der Jargon seiner Figuren passt perfekt zur Mentalität des Ruhrgebiets und zu dessen lakonischem Humor", schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (6.6.2018). Florian Fiedler setze auf ein enormes Tempo, seine Methodik verlange den durchtrainierten Schauspielern körperlich eine Menge ab, wobei die Akrobatik nie zum Selbstzweck werde. "Die Fantasie der Zuschauer spielt bei dieser Art Gebrauchstheater eine Hauptrolle. Lösungen werden nicht angeboten, die Konflikte bleiben akut, Glücksmomente sind rar, Verständnis für die Perspektiven der anderen ist mühsam zu erarbeiten."

  • Simplicissimus - Soeren Voima

    “Man sollte meinen, wenn Wolfgang Petry gesungen wird, sei endgültig nichts mehr zu retten. Da stakst nun einer der Soldaten, die eigentlich brandschatzend durch den Dreißigjährigen Krieg ziehen sollen, in Stöckelschuhen über die Bühne und grölt zur "Wahnsinn! Warum schickst du mich in die Hölle?"-Melodie: "Fressen, saufen, huren – huren! huren! huren! Das ist unser Werk auf Erden!" Und wie er so am kahlen hinteren Bühnenrand steht, die Hände beim Singen über den Kopf schlägt und eine imaginäre Meute anfeuert, die ihm nicht antwortet, schleicht sich jenes Gefühl ein, das diesen bitteren Theaterabend von Anfang bis Ende durchdringt: abgrundtiefe Traurigkeit. (…) Übrig bleibt die intensive Studie eines Verfalls, der unausweichlich zu sein scheint und direkt in unsere Gegenwart und ihre militärischen Grundsatzfragen vorstößt. Eine untröstliche Klage über den Verlust der Unschuld, mehr kann und will dieser Abend nicht sein. Es genügt.” André Mumot, nachtkritik, 6.10.

    Eva Behrendt in der Frankfurter Rundschau (7.10.) findet, dass der "Geschichtspessimismus" schon lange nicht mehr so "grausig und lustig verspielt" ausgesehen habe wie hier bei Florian Fiedler und dem "Simplicissimus" von Grimmelshausen/Voima. (…) Dem naiven Helden auf seinem Weg durch ein "postindustrielles" "Schlachtfeld" begegne ein "Panoptikum" "seltsam schriller Fabel-und Zwitterwesen", und am Ende sitze er "wieder allein auf dem Schlachtfeld, vor einer Raviolidose, die er mit dem Schürhaken aufgehackt hat. Als "sein alter Landsknecht-Kumpel Oliver auftaucht, erschießt er ihn, ohne hinzusehen."

    „Am Ende überzeuge „die dunkle, zivilisationskritische" Grundhaltung“. Dass Fiedler nicht das Schelmenstück als solches inszeniert, sondern sich auf die "seelischen Kollateralschäden des Krieges" konzentriert habe: "Wie Simplicissimus, der reine Tor, hier seine Naivität und Unschuld verliert, zielt mit einem finalen Schuss untröstlich in unsere Gegenwart.“ Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (7.10.)

  • Feuergesicht - Marius von Mayenburg

    “Wie ändert sich in sieben Jahren der Blick auf ein Erstlingsdrama, das seinerzeit als veritables Horrorstück in die Theatergeschichte einging? Eine ganz normale vierköpfige Familie: Die pubertierenden Kinder sind inzestuös ineinander verwoben, Kurt bastelt in der Garage Molotowcocktails und wirft sie in fremde Häuser, am Schluss erschlagen die Geschwister ihre Eltern mit dem Hammer, und Kurt zündet sich selbst an.

    Eine Begründung gibt es für die Häufung der Krassheiten letztlich nicht; die These von der terroristischen Struktur der klassischen bürgerlichen Kleinfamilie ist eine stehende Größe, als solche unhinterfragbar. Und so sucht Florian Fiedler in seiner Düsseldorfer Inszenierung auch gar nicht erst nach psychologischen Motivketten, sondern nimmt den atem- und szenenübergangslosen Text des Marius von Mayenburg zum Anlass eines dichten Theaterabends, der seine Plausibilität in sich selbst, in seiner ästhetischen Form findet und nicht im psychosozialen Kontext.”

    Martin Krumbholz, theater heute

  • Scham - Claudia Tondl

  • Die Schimmelmanns - Mario Salazar

  • Mördervariationen - Christoph Nussbaumeder

  • Plastilin - Wassilij Siragew

  • norway.today - Igor Bauersima

  • Der Kuss des Kohaku - Peter Stamm

    “Der 26-jährige Florin Fiedler hat "Der Kuss des Kohaku" uraufgeführt, und unter seiner Regie ist im Malersaal etwas entstanden, das man als Glücksfall bezeichnen kann.

    Es ist ein starker Text mit rasanten wie radikalen Dialogen, die ihren Witz auf der Bühne entfalten, wenn die Schauspieler die Widerhaken ihrer Figuren auswerfen, wenn die Regie sich der Kunstfertigkeit des Textes, der sich auf eine merkwürdige Weise dem Spiel verweigert, selbstbewusst, aber irritiert nähert. Eine Stunden und zehn Minuten dauert das Spiel der vier (Sylvester Groth, Maja Schöne, Bjarne Mädel und Lisa-Marie Janke) um Fisch, Luft und Liebe. Die Szenen werden durch kurze Blacks und beschwingte Streicherklänge aus dem Off (Musik: Lieven Brunckhorst) portioniert, was wie ein Aufatmen, ein Moment des Luftholens ist, und die Musik steht dabei in einem irritierenden Gegensatz zur Schwere der beiden Paare, die nicht wissen, was man tut, wenn man sich liebt. (…)

    Dem Text wohnt nicht nur eine subtile Komik inne, sondern auch eine artifizielle Distanzierung von den eigenen Sätzen. Peter Stamms Text ist zugleich todernst und in höchstem Maße selbstironisch. Das raut die klassisch angelegte Paarkonstellation auf und zwingt zu stilisiertem Spiel, um nicht Oberflächen zu bedienen. Wunderbare Schauspieler also, (…) Bei Maja Schöne ist zum ersten Mal zu ahnen, dass eine große Dame des Schauspiels in ihr steckt.”

    Hella Kemper, Die Welt, 3.5.2004