“Florian Fiedler hat eine betörende Art, Theater zu machen.”

Peter Michalzik, Frankfurt Rundschau

6x romane & novellen

  • 1984 - George Orwell.

    Eines Tages, wenn der Mann im Mond seine Rakete besteigt, dann landet er auf ihren Lippen, weil die so entzückend sind, erzählt Winston. Nein, widerspricht Julia: auf seinen. Sie lächeln sich an und küssen sich. Nur der Mann im Mond schaut zu? Nein, nicht nur der, denn diese Liebe steht unter der Beobachtung des Großen Bruders; es ist schließlich „1984".

    Dass ein auf Wachstum und Machterhalt ausgerichteter Staat das Glück seiner Bürger nicht gutheißen kann, ist eine der Kernthesen in Florian Fiedlers überraschend komischer Inszenierung von George Orwells klassischer Dystopie. Immer schön rein geht es in die Tretmühle, um private Defizite mit Anpassung und Leistung auszugleichen - das funktioniert auch, wenn die Staatsform keine Diktatur ist. Szenenhaft erzählt der 37-jährige Regisseur im Ballhof von Winston Smith, der als braver Angestellter eines totalitaren Überwachungsstaats die Liebe wagt und alles verliert. Es hilft, die Vorlage zu kennen. Hier fügt sie sich nur collagenhaft zusammen. Was starke Bilder wettmachen: Die karge Bühne von Marie-Alice Bahra - ein Nichtort im anachronistischen Niemandsland - und die Videoprojektionen Bert Zanders gehen eine perfekte Symbiose ein, etwa die Annäherung Julia und Winstons auf schwankendem Grund: Erst wenn sie miteinander im Gleichgewicht sind, erreichen sie sich.

    Die lebensfrohe Julia und der etwas ungelenke Winston (zwei wunderbare Schauspiel-Gäste: Elena Schmidt und Daniel Christensen) geben ein hinreißendes Liebespaar ab.

    Staatstheater-Urgestein Wolf List perfektioniert als Erzähler, Moderator und auch als hinterfotziger Vorgesetzter seine Rolle als jovialer Onkel.

    „Krieg ist Frieden; Freiheit ist Sklaverei; Unwissenheit ist Stärke", spricht er im freundlichsten Plauderton. Dennoch oder gerade deshalb. wirken eben diese Orwell-Sätze erschütternd aktuell: Friedensmissionen im ewigen Krieg gegen einen unfassbaren Feind, die Unterwerfung des Individuums unter die Gepflogenheiten der sozialen Netzwerke, die Ausdünnung der Gedanken und Verarmung der Sprache. Das ist nicht 1984, das ist erst recht nicht 1948, das Erscheinungsjahr des Romans. Das ist 2014. Orwells zynisches „Doppeldenk", das immer schon sein Gegenteil meint, spricht man auch heute in höchsten Regierungskreisen. „Macht ist nicht Mittel zum Zweck", sagt Offizier O'Brien: „Macht ist der Zweck“

    Stefan Gohlisch, Neue Presse, 13.10.2014

    Besetzung

  • Der Hals der Giraffe

  • Die Leiden des jungen Werther

    »…Der Regisseur Florian Fiedler ist jung und er hat eine betörende Art, Theater zu machen. Er faßt die großen Stoffe direkt an, wie wenn sie durch keine Vorgeschichte belastet wären…. Fiedler interpretiert nicht, er will nur spielen…. Das ist nicht innovativ, indem es eine neue Theatersprache erfindet, sondern indem es Theater an eine seiner Wurzeln erinnert, die Lust an der endlosen Verwandlung. Wenn dieses Theater an etwas eine Freude hat, dann daran, daß aus allem alles werden kann… Fiedler inszeniert den Werther so, wie wenn Lotte, Werther und Albert eine wilde Luftgitarrenband wären: im grenzenlosen Gefühlsrausch, besinnungslos lebenslustig. Das ist viel weniger naiv, als es aussieht, aber trotzdem ist es Theater, an dem man eine kindische Freude haben kann… Das ist Theater. Nicht zum Denken, sondern zum Zuschauen.«
    Peter Michalzik, Frankfurter Rundschau 14. Februar 2005

    »Werthers Echte«
    Frankfurter Allgemeine Zeitung 14. Februar 2005

    »…Die vier Darsteller erfüllen das Spielmodell fern allen Literarisierens mit heutiger Sensibilität: Daniel Christensen explosiv als Werther und voller Spielfreude wie die Übrigen…«
    Frankfurter Neue Presse 14. Februar 2005

    »…so zielsicher wie seine Regie eine pfiffige, unverbrauchte Idee nach der anderen ausspuckt… – das ist genuines Theatertalent…«
    Wormser Zeitung 14. Februar 2005

    »Fiedler macht aus dem Roman eine Art Rock’n’Roll-Revue mit Schlagzeug, Luftgitarre, Schlagereinlage. Ein Regie-Einfall, der immerhin nicht völlig an den Haaren herbeigezogen ist, denn wer in den Kategorien des Pop denkt, kann in Werther mit seiner unbedingten Leidenschaftlichkeit und seiner Lust an der Rebellion gegen alle gesellschaftlichen Mechanismen der Besänftigung so etwas sehen wie einen James Dean des 18. Jahrhunderts. Zudem setzt Fiedler seine Idee recht schwungvoll um, läßt Werther mit dem Motorrad zu seiner vergötterten Lotte brausen oder Lotte das Publikum mit „Hallo Frankfurt“ begrüßen. Stark ist die Inszenierung immer, wenn sie nichts sein will als Rock’n’Roll…« Die Welt 18. Februar 2005

    »Cobain ist der neue Werther… Daniel Christensen als Werther ist eine markante Ähnlichkeit mit Kurt Cobain eigen, dem Sänger von Nirvana, der gleich Werther seinem Leben mit einer durch den Kopf geschossenen Kugel ein Ende gesetzt hat. Cobain / Werther ist getrieben von einer kompromißlosen Lebenssucht… Die von Ruth Marie Kröger gespielte Lotte scheint im Eheleben mit dem die Sicherheit einer bürgerlichen Existenz bietenden Philistergatten zwar ein begrenztes Glück zu finden… Albert, den Mathias Max Herman als in seinem ausgeglichenem Wesen gar nicht unangenehmen, aber eben strunzlangweiligen Durchschnittsmenschen zeichnet… Werther sucht den Exzeß im Stagediving mit Bauchlandung auf sturzmildernden Kartons. Er zappelt an der Brücke eines Scheinwerfergerüsts, daß es eine groteske Pracht ist…. Florian Fiedler… hat gemeinsam mit seiner Dramaturgin Sibylle Baschung den „Werther“ in eine Spielfassung gebracht, in der sich die Poesie von Passagen des Originaltextes mit der funktio nalen Knappheit der heutigen Umgangssprache reibt wie der Titel-Unheld an den gesellschaftlichen Konventionen. Die Dramaturgie dieses Theaters aus der Umzugskiste, für die Schnelligkeit der mit geringem Aufwand betriebenen Produktion in der Schmidtstraße nachgerade sinnbildlich, ist eine flotte. Der Nachhall währt lange
    Offenbach-Post 15. Februar 2005

    »Fiedlers „Werther“ in der Schmidtstraße weiß zu fesseln, scheut sich weder vor Klamauk noch vor den großen Gesten – und ist in dieser Gegensätzlichkeit ganz großes Theater. Daniel Christensen versteht es, die in Ewigkeit aktuellen Leiden der Jugend – das Unglück der aussichtslosen Liebe, das Verzweifeln am häufig viel zu stupiden Gang des Lebens und der Arbeit – darzustellen, ohne ins Pathos oder in den Kitsch abzugleiten. Ruth Marie Kröger als unentschlossene, zwischen den werbenden Männern stehende Charlotte ist keine unschuldige Kopfverdreherin und bringt das mit einer bezaubernden Version von Annett Louisians Hit „Das Spiel“ auf den Punkt…«
    PRINZ Frankfurt, 23. März 2005

    “Man übersieht fast, wie gefährlich die Lage wird. Wie Werther abrutscht und keinen Halt mehr findet: Daniel Christensen spielt ihn als kindlichen, zornigen, rührend verliebten, immer wieder über sich selbst stolpernden, einerseits übermäßig begabten, andererseits ziemlich lebensunfähigen Jungen – ziemlich nervig und ziemlich liebenswürdig. Ein Aufmerksamkeitsterrorist.”
    April 2005 , Theater heute

    EINGELADEN zu RADIKAL JUNG

    GEWEINNER des PUBLIKUMSPREISES beim Festival "RADIKAL JUNG" in München!

    Besetzung

    Besetzung Hannover

  • Lolita - Vladimir Nabokov

    “Regisseur Florian Fiedler (… ) kommt auf den Punkt. Die Aufführung, eine Art kurzweiliger Bilderbogen mit bei aller Tragik durchaus komischen Szenen und musikalischen Einsprengseln lässt keinen Zweifel: Mitwisser und Nutznießer machen den Kindesmissbrauch erst möglich.

    Gleich zu Beginn verkündet Clare Quilty (Roland Bayer) als scheinbarer Moralist mit erhobenem Zeigefinger: die verführerische Kindfrau, es gibt sie nicht.

    Sie entsteht nur in den Köpfen, etwa wenn Mutter Charlotte Haze (Babett Ahrens) ihre Tochter ungeniert als Lockvogel benutzt, um Humbert Humbert als Untermieter und potentiellen Ehemann zu ködern: „Mein Garten, meine Blumen, meine Lolita". Der Zimmerwirt vom Motel wünscht „Vater" und „Tochter" eindeutig zweideutig „Lei-nen los und viel Vergnügen" die Nachbarin schimpft einzig über den Krach. Es ist nichts als Wunschdenken, so legt die Inszenierung Fiedlers schlüssig nahe, das aus dem Mädchen Dolores die Verführerın macht.

    Ein Glücksgriff ist Ruth Mare Kroger, die die Rolle der Lolita in ihrer Vielschichtigkeit auslotet. Sie beherrscht den kindlichen Gestus und ist eine selbstvergessene, lebenslustige Göre, (…) Verstrickt in ein Netz aus Erpressung und ambivalenten Schuldgefühlen wird Lolita schließlich kalt und berechnend.

    Als tolpatschigen, verschlagenen Lulatsch mit irrem Blick gibt Andreas Leupold den Kinderschänder Humbert, der die Mutter heiratet, um die Tochter zu verführen. Ein ziemlich kaputter Typ also, der nicht zum Einfühlen einlädt. (…) Lolita aber ist bei Fiedler vor allem eines: ein Kind in Not.”
    Quelle folgt

    Fiedler hat der rivalisierenden Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter viel Zeit und Ironie eingeräumt. Erst als Lolita vom Tod ihrer Mütter erfährt, wird spürbar, daß sie Humberts Opfer ist, daß er ihr Leben zerstören wird. Von da an steigert sich die Verzweiflung bei beiden: Er sperrt sie ein, sie versucht zu entkommen. Was ihr zuletzt auch gelingt. Aber nur um in die Hände von Roland Bayers omnipräsentem Quilty zu geraten, eines Kinderpornofilmemachers, den Humbert zuletzt erschießt. (…) In dieser Szene hat die Ironie endlich ausgespielt, und der Ruin zweier Menschenleben wird deutlich.“
    FAZ, Claudia Schülke

    „Es darf viel gelacht werden, doch die grelle Alberei ist  Fiedlers Sache nicht. In seinem Umgang mit dem Stoff steckt eine tiefe Ernsthaftigkeit. Er erzählt die Geschichte sehr einlässlich. Der Humor dient einzig der Verdeutlichung des Geschehens, der Beziehungen in dem inzestuösen Dreieck. Fiedler spitzt zu, er typisiert die Figuren und bedient sich einer epischen Darstellung, etwa durch das Verlesen von Tage-buch-Eintragungen.

    Es wird alles erspielt in dieser Katz-und-Maus-Geschichte - mit vielen Momenten des Tänzerischen. So fern der psychologische Realismus dieser bestens gebauten Regiearbeit auch sein mag, legt sie gleichwohl psychologische Muster modellhaft offen. Mit dem Mittel der Stilisierung rückt Fiedler das Objekt der Betrachtung in die Ferne, weil von diesem Standpunkt ein genaueres Sehen möglich ist. Eine Regiebegabung, die man im Auge behalten sollte.“

    STEFAN MICHALZIK

  • Die Marquise von O - Heinrich von Kleist

    WDR
  • Der Sandmann

    “Ein dankbarer Fundus fürs Theater und höchstaktuell, wird Florian Fiedler sich gesagt haben: in Zeiten, in denen Siri zu uns spricht, wir lebensnahe Avatare durch virtuelle Welten leiten und Animationstechniker für die nahe Zukunft voraussagen, dass wir als Avatare auch nach dem Tod weiterleben können.

    Also spielt Fiedler. Auf allen Ebenen. Er deutet Mehrdeutigkeiten der Figuren dank mehrerer Schauspielerinnen eben nicht bloß an, er mixt die Genres (Erzähltheater, Puppenspiel, chorische Passagen, Opern- und Tanzszenen), er formuliert (zusammen mit Dramaturgin Hannah Saar) Gruselgeschichten in Poe-Manier aus, legt Professor Spalanzani (Klaus Zwick) zeitgemäßere Theorieansätze in den Mund (z.B. von Vernor Vinge) -

    Fiedler ist ein leidenschaftlicher Spieler in seiner „Sandmann“-Inszenierung. (…) Und so naheliegend der Einsatz einer Figur bei einer Bühnenversion des "Sandmanns" grundsätzlich auch sein mag, so effektvoll ist er hier doch. (…) Es gibt Momente, da wirkt Nathanael lebendiger, echter als alle anderen Figuren. Mag das ein Plädoyer fürs Phantastische sein? Ja, vielleicht. Weil das Phantastische in dieser Inszenierung weniger als Wahnsinn, sondern vielmehr als Möglichkeitsraum zu deuten ist. Als ein Einlassen auf simulierte Welten. Als Spielraum eben. 
    Sarah Heppekausen, Nachtkritik 4.11.18

    "Florian Fiedlers Inszenierung spielt meisterlich mit Horror-Zutaten", schreibt Ralph Wilms in der Westfälischen Rundschau (5.11.2018). Man bleibe gefangen in der Geschichte und ihren Doppel- bis Vierfachbödigkeiten. Das sei keine verquere Kunstanstrengung, "sondern fließt mit staunenswerter Eleganz – nicht nur in den Tanzszenen." Und der Rezensent sah "mit Hingabe ausgemalte Details" in dieser Hoffmann-Adaption.”

    Besetzung